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Professor Dr. Hassan Khalil -
Lehrer mit Herz

Was will ich im Workshop? Was erwarte ich, wenn ich einen orientalischen Tanzworkshop besuche? Will ich ein paar Stunden Spaß haben, nette Frauen treffen, neue Leute kennenlernen, dem Beruf, den Kindern, dem Mann - eben dem ganzen Alltag entfliehen? Will ich eintauchen in die fremde, faszinierende Welt des Orients, mich in der Musik, im Rhythmus,
in der Bewegung verlieren? Will ich in der Kontemplation und in der Auseinandersetzung mit meinen Möglichkeiten und meinem Unvermögen
zu mir selbst finden? Will ich meine Muskeln und Nerven trainieren, meine Kondition und Geschmeidigkeit verbessern, mich auspowern und neue Kraft gewinnen, meinen Körper zu höherem Bewußtsein führen? Will ich einige neue Schritte oder Kombinationen, den ultimativen Schnörkel lernen? Will ich eine Choreographie mit nach Hause nehmen, die ich bei den nächsten Auftritten einsetzen kann, die neuen Unterrichtsstoff für meine Schülerinnen bietet?

Jede Frau, die schon einmal einen Workshop für orientalischen Tanz mitgemacht hat, wird mindestens eine dieser Fragen bejahen können. Je nachdem, wie meine Interessenlage, meine Lebensumstände und meine persönliche Struktur sind, werde ich auf manche Aspekte mehr Wert legen als auf andere. Ob ein Workshop mir etwas bringt, hängt davon ab, wie meine Erwartungen erfüllt werden und wie groß meine Toleranzschwelle ist. Ich sollte mir auch den Unterschied zwischen Workshop und fortlaufendem Kurs klarmachen: Ein Workshop kann Themen nicht abschließend behandeln - zum einen wegen der Heterogenität der Teilnehmerinnen, zum anderen aus Zeitmangel. So kann ich einen Workshop verstehen als Anregung, als Einführung in ein mir neues Thema, als Erweiterung meiner Grundlagen, als Baustein meines Tanztempels, als Mosaiksteinchen meines Orientpuzzles.

 

Der Artikel ist im Oktober 2000
in TANZOriental erschienen

Wir danken für die Genehmigung
zur Veröffentlichung

Ein guter Führer im Labyrinth der orientalischen Tanz(irr)wege ist Hassan Khalil aus Kairo. Alten Hasen ist er eine Institution, hat er doch bereits damals in den deutschen Pionierjahren mit Dietlinde Karkutli gearbeitet. Und auch Greenhorns könnten ihn kennen, denn seit vierzehn Jahren
weilt er im Juli und August in Europa, um sein Füllhorn jahrzehntelanger Tanzerfahrung auszuschütten. Professor Dr. Khalil lebt und arbeitet im Auftrag der ägyptischen Regierung schon länger in Kuwait, um die Tanzgeschichte zu erforschen und Studenten zu unterrichten. „Head of Department Acting & Directing, High Institute of Dramatic Arts, Ministry of High Education - Kuwait“ steht auf seiner Visitenkarte. Er beschäftigt sich vor allem mit der Schauspielkunst, der Regieführung, den darstellenden Künsten überhaupt und sieht Tanzen als sein Hobby - nein, hier ist das deutsche Wort angebracht: Liebhaberei. Denn Hassan liebt den Tanz, die Bewegungen, er liebt die Tänzerinnen - nicht auf die eindeutig zweideutige Weise -, er liebt die feminine Ästhetik, das weibliche Prinzip in ihnen. Für
ihn ist der Bauch das Zentrum des Lebens.

Plötzlich im Workshop separiert er drei Frauen und bittet sie, eine soeben einstudierte Passage vorzutanzen. Alle anderen sollen gut aufpassen. Die Zusehenden versuchen, das Besondere der drei Tanzenden zu ergründen, bemerken vielleicht Fehler, die sie nicht gemacht hätten. Hassan Khalil ist begeistert: „Habt ihr es gesehen? Habt ihr genau aufgepaßt? Jede dieser drei wunderbaren Girls (er nennt alle seine Schülerinnen gerne Girls) hat es anders gemacht. Jede hat ihre eigene Persönlichkeit, ihren eigenen Tanz. Ich liebe euch!“ und dabei umarmt er die ihm Nächststehende. Nanu? Warum hat er denn so darauf bestanden, den Folkloreschritt ganz genau einzuüben, warum wurde er wieder und wieder erklärt und wiederholt?
Und nun begeistern Hassan die Unterschiede?

Das ist ein Workshop - deutsch: Werkstatt. Es wird etwas hergestellt, ich muß mir etwas erarbeiten, ich kann meine eigenen Schlüsse ziehen. Ich denke mir, Hassan Khalil hat registriert, daß die Schritte im Prinzip verstanden wurden, lediglich das Training fehlt und die Vorführsituation
die Patzer verursachte. Oder ich glaube, daß Hassan die Schritte nicht so wichtig sind, zwar als Grundlage dienen, aber der gesamte Ausdruck und das Tanzgefühl zählen. Ich könnte auch vermuten, daß Hassan den Frauen nach den Mühen der Einübungsphase eine Aufmunterung, ein Lob, eine Streicheleinheit gönnen wollte. Vielleicht bin ich überzeugt, daß bei aller Ernsthaftigkeit im Unterricht und dem Bemühen, die Unterschiede der Tanzsituationen, der Stile, der Regionen, der Mentalitäten zu vermitteln, Hassan der Spaß am Tanzen und die Freude am Leben am meisten bedeuten.

Der Professor ist kein Beau, kein Adonis, aber bei ihm geht es auch nicht
um die äußere (vergängliche) Schönheit. In seinem Alter darf er sich ein Bäuchlein leisten. Seine herzliche Freundlichkeit, sein Witz und sein Charme sind ungebrochen. Die Bewegungen, die er zeigt, wirken bei ihm nicht so grazil wie bei einer Frau. Doch muß ein Mann sich wie eine Frau bewegen können? Er weiß, wie die Schritte, die Posen, die Akzente, der Bewegungsablauf bei einer Frau aussehen müssen und können. Und er versteht es, dieses Wissen jeder Workshop-Teilnehmerin näherzubringen und begreiflich zu machen. Er kümmert sich auch um die Schüchterne in der hinteren Reihe, erkennt die unterschiedlichen Schwierigkeiten, mit der jede einzelne Frau gerade kämpft. Er fordert und fördert somit.

Daß wir ihn hier jedes Jahr vor Ort haben können, um von seiner tänzerischen und menschlichen Freigebigkeit zu profitieren, verdanken wir auch Karin Stöber, die als Nesmah in Bad Nauheim unterrichtet. Sie ist der gute Geist um, neben und hinter Hassan, organisiert seine Workshop-Tourneen, begleitet und betreut ihn unterwegs, übersetzt im Unterricht bei Bedarf sein Englisch ins Deutsche, reicht ihm pünktlich seine Medikamente, tanzt Choreographien mit, wenn er wegen einer früheren Herzattacke etwas kürzer treten muß. Sie hält ihm den Rücken frei, so daß er sein Herz öffnen kann für den Tanz und die Tänzerinnen.

Von Hassan Khalil kann ich viel lernen. Wenn ich interessiert bin und ihm zuhöre, erfahre viel über das Leben im Orient, die Geschichte des orientalischen Tanzes, die Bräuche, Sitten und Traditionen der verschiedenen Länder und Regionen, die reiche Kultur einer fremden Welt. Wenn ich genau hinsehe und analysiere, erkenne ich viele Details des Tanzes, die ihn „typisch“ orientalisch machen, die den arabischen Geschmack, das ägyptische Gefühl vermitteln. Wenn ich fleißig bin und übe, erhalte ich viele Kombinationen oder eine ganze Choreographie mit traditionellen und modernen Elementen, effektvoller Bühnenwirksamkeit und echtem orientalischem Ausdruck. Wenn ich mich Hassans Wesen öffne, seinen Humor verstehe, seine unnachahmliche Pantomimik schätze, habe ich viel Spaß in seinen Workshops. Ich persönlich freue mich darauf.
( roswitha möhl )